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Erinnerung kann man nicht erzwingen (nìmecká verze pøednášky Pamì se nedá vynutit) (29.3.2004) Erst 15 Jahre dauert das intensive tschechisch-deutsche, deutsch-tschechische Sich-Erinnern an das gemeinsame Zusammenleben und an sein Ende, sagt dieser, der es mit der deutschen Nachkriegsauseinandersetzung mit der Vergangenheit vergleicht. Jene begann überdies erst mindestens 15 Jahre nach Kriegsende. Ein anderer sagt: dieser Dialog dauert schon 15 Jahre, und trotzdem spielen immer wieder aufs Neue einige Politiker die Angst vor den Deutschen als Karte aus, und dies keinesfalls immer erfolglos. Wie ist das nun also? Überwiegt Positives oder Negatives?
Wenn ich es vom erzielten Konsens der tschechisch-deutschen Deklaration vom Jahre 1997 aus beurteile, würde ich sagen, dass dieser Dialog außergewöhnlich erfolgreich war. Wenn ich es z. B. von den neuerdings entflammten Emotionen anlässlich des Gesetzentwurfes über Edvard Beneš aus beurteile, würde ich sagen, dass wir weiterhin am Anfang sind. Anstatt irgendeine versöhnliche Kompromissformel zu suchen, nach dem Muster auf der einen Seite zwar ..., jedoch auf der anderen Seite ..., sage ich etwas anderes. Ich sage, dass wir uns wahrscheinlich bis jetzt mit Recht irgendetwas wie selektive Erinnerung vorwerfen. Sie erinnern sich nur an das, wann und wie wir Ihnen Schaden zugefügt haben, es ist von beiden Seiten zu hören, aber unseren Schmerz nehmen Sie nicht wahr. Sie wollen nicht hören, wann dies alles begann und dass Sie es waren, die angefangen haben. Die Folge eines solchen unproduktiven Vorwurfmachens ist dann eine weitere unglückliche Auswahl: auf der einen wie auf der anderen Seite ist man wenig gewillt, sich an jene Zeiten zu erinnern, als wir nebeneinander lebten, ja auch zusammen, in Frieden und als wir in der gemeinsamen Heimat viel Achtbares vollbracht haben. Ich bin davon überzeugt, dass so etwas wie selektive Erinnerung tatsächlich existiert. Durch sie wird eine bestimmte Art von Dialog angeregt, den wir alle gut kennen, und der in Wirklichkeit gar kein Dialog ist. Es ist eine Abfolge von Monologen. Wenn wir über die Vergangenheit sprechen, häufig durcheinander, dann sprechen wir vorwiegend über unsere eigenen unheilbaren Wunden oder schmerzenden Narben. Auf ein von der Gegenseite geschildertes Erlebnis von Ungerechtigkeit, Kränkung oder Grausamkeit, reagieren wir ungeduldig mit unserem Erlebnis, mit einem Erlebnis unseres Leidens, unserer Kränkung. Wir übertrumpfen uns, als ob wir Karten spielen würden. Auf diese Weise nehmen wir dem anderen das Recht auf seinen Schmerz, erkennen ihn nicht an, er ist ja klein, oder zumindest immer geringer als unser Schmerz, unser Leiden. Die Scholastiker im Mittelalter verfügten weder über E-Mail noch gab es anfangs die Druckereien. Trotzdem waren sie vielleicht schneller als wir in der Lage, die Wahrheit im Dialog zu ergründen. Sie hatten nämlich die folgende Regel: Bevor man in einem Dialog dem Partner auf das antwortete, was man gerade von ihm gehört hatte, musste man versuchen, das Gehörte mit eigenen Worten wiederzugeben. Dazu fragte man den Partner: Hast du das so gedacht? Habe ich dich gut verstanden? Habe ich dich begriffen? Wolltest du das sagen? Erst wenn der Partner beistimmte, konnte man zur eigenen Replik übergehen, mit den eigenen Argumenten. Es war dies nicht nur ein Dialog von Sprechenden, sondern auch von Zuhörenden. In unserem 15jährigen Dialog waren nur selten Fragen dergestalt zu hören: Wie haben Sie das damals empfunden? Wie haben Sie das erlebt? Was tat Ihnen am meisten weh? Was haben Sie damals gedacht? Wie haben Sie das verstanden? War dies so, wie ich das Ihnen jetzt mit meinen Worten sage? Erst wenn ich solche Fragen stelle, also keinesfalls rein rhetorisch, wenn ich so frage, dass meine Frage nicht schon im Voraus meine Antwort enthält, erst dann erwecke ich mit der Wahrhaftigkeit meines Interesses Vertrauen. In solchen Fragen steckt nämlich der Beweis, dass ich nicht nur reden, sondern auch zuhören kann. Dass ich nicht nur über mich sprechen kann, sondern auch über den Partner, dass mich sein Schicksal, seine Schmerzen tatsächlich interessieren. Und erst in diesem Augenblick entsteht die Hoffnung, dass der Partner ähnlich reagiert. Dass wir beide schließlich das annehmen, was wir anfangs nicht hören wollen, was wir verharmlosen, was wir übertrumpfen durch unsere eigene Begebenheit oder mit dem pauschalen Hinweis darauf, dass immer dieser andere begonnen hat. Erzählen wir uns unsere Begebenheiten, unsere Geschichte und verändern wir dabei zeitweise den Standort. Erzählen wir nicht nur unsere, die böhmischen, mährischen und die schlesischen Geschichten, sondern auch die deutschen Geschichten und ebenso die jüdischen Geschichten –so wie wir sie verstehen, wie wir sie in unsere Sprache übertragen. Setzen wir voraus, dass unsere Partner auch unsere Geschichten ähnlich versuchen werden zu begreifen, dadurch dass sie diese Geschichten in ihrer eigenen Sprache erzählen werden. Gestehen wir uns gegenseitig das Recht auf Schmerz und auf Leiden zu. Bemühen wir uns, die Verluste zu benennen und zuzugeben. Die tschechischen, die deutschen und die gemeinsamen. Es ist allgemein anzunehmen, dass eine bestimmte Katharsis wahrscheinlich nur dann eintritt, wenn sich die Sudetendeutschen bewusst sind, dass sie hier ihre Heimat verloren und die Tschechen, dass sie ihre Mitbürger verloren. Dies hindert uns allerdings nicht – ja gerade im Gegenteil – dies fordert uns dazu auf, diese Verluste nach und nach gemeinsam versuchen zu verringern, und dies durch eine zielbewusste, aufrichtige Zusammenarbeit. Möge unsere Erinnerung bei der Suche dieser Zusammenarbeit unser Helfer sein, bei der Wiederherstellung dessen, was wir in der Vergangenheit verloren haben. Und wir verloren etwas sehr Wichtiges – gegenseitiges Vertrauen. Das Ergebnis muss kommen, und es wird paradox sein: wir werden einen bei weitem größeren Spielraum haben, viel mehr Willen nicht nur über unsere traumatischen Erfahrungen zu erzählen, sondern auch darüber, wie friedliebend wir auch gemeinsam schafften zu leben und Werte hervorzubringen. So verstehe ich die Aussiger Initiative: unserem Land fehlt der Fokus eines solch konzentrierten Fragestellens. Wir sind bis jetzt allzu verzaubert von irgendeiner Verteidigungshaltung. Aber Aussig ist eine positive, selbstbewusste Antwort auf eine solche Position: wir interessieren uns für Sie, für unser Zusammenleben nicht nur im Bösen, sondern auch im Guten. Wir fürchten uns nicht, auch Ihre Tragödie kennen zu lernen, zu begreifen und wiederzugeben. Wir erwarten das Gleiche von Ihnen, von den Deutschen, wo zwar eben solche Fokusse bereits vorhanden sind, aber ich würde sagen, dass bisher auch nicht in diesen der Wille vorherrscht, unsere Traumata auch von unserem Standpunkt aus zu verstehen. Deshalb ist das Aussiger Projekt Collegium Bohemicum eine wirklich historische Initiative. Der tschechisch-deutsche, deutsch-tschechische Dialog hat die Chance, auf eine qualitativ höhere Ebene zu gelangen. Doch hier geht es nicht in erster Linie um Wissenschaft, auch wenn es sicher prächtig ist, dass die Initiative in der hiesigen Wissenschaftslandschaft eine Stütze hat. Es geht vor allem um den Willen zur Weisheit, um den Modus eines Dialogs, um die Art und Weise des Fragestellens und hauptsächlich um die Kultivierung des Zuhörens, das künftighin nicht nur ein ungeduldiges Warten auf eine Chance sein darf, den Partner mit dem eigenen Monolog zu übertrumpfen. Ich wünsche der Stadt Aussig und den herrlichen und mutigen Menschen, die sich hier entschlossen haben, anders anzufangen, dass sie es fertig bringen, aus dem bisherigen überwiegenden Wechsel von Monologen einen echten Dialog zu machen. Dass sich unser Erinnern befreit von dem kämpferischen Zwang zur Selektivität. Mit anderen Worten, dass wir uns an möglichst alles erinnern wollen: nicht nur unser, sondern auch Ihr Leiden, nicht nur das Böse, sondern auch das Gute zwischen uns. Erinnerung kann man nicht erzwingen. Man kann nicht jene beknien, die sich nicht erinnern können oder wollen. Erinnerung löst sich letztlich gleichsam wie von selbst, jedoch nur in einer günstigen Atmosphäre. Um eine solche Atmosphäre bemüht sich die Stadt an der Elbe, und wir haben heute den großen Wunsch, dass dies Ihnen auch wirklich gelingen möge.
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